Gestern haben wir noch miteinander getanzt. Man macht Fehler. Es soll nicht wieder vorkommen.
Von außen wirkt er gar nicht übel, ganz gut sogar - nun ja, irgendwie fehlt was, aber mal sehen. Ich hätte es sehen können, hätte ich aufmerksamer auf seine Tänzerinnen geachtet. Nicht dass sie die Augen verdreht oder ihr Unbehagen auf andere Weise deutlich gemacht hätten. Nein, das weibliche Urteil offenbart sich subtiler. Die Frohnaturen unter uns lächeln sich tapfer durch allen Unbill der Tanzböden, bis der Kiefermuskel krampft. Andere verfallen eher in stumme Resignation, die sich wie eine Art Mehltau auf ihre Augen, Lippen und Schultern legt. Nur die Füße haben noch einen Rest von Eigenleben, trotzig, verbündet mit dem Boden und der Musik, tanzen sie ihren Tanz.
Ich hätte es sehen können, gewusst habe ich es dann im ersten Augenblick der Umarmung - zu spät. Nun gibt es vier endlose Tangos zu bestehen. Sein Griff ist gnadenlos und schraubt mich von Tango zu Tango fester an seine kühle, unbewegte Brust. Er führt präzise, mit Muskelkraft und großem Ehrgeiz, die Mechanik perfekt, Drehungen wie im Kettenkarussell. Jeder seiner harten Schritte ist ein Manifest: Ich bin die Reinkarnation des Cachafaz. Ich mache alles richtig. Ich dulde keine Widerrede. Punkt.
Ich verstumme, tänzerisch, nur meine Füße wagen es ab und zu noch, klammheimlich und verhalten ein paar kleine musikalische Anmerkungen aufs Parkett zu zeichnen. Der Rest ist Schwerstarbeit in körperlicher und mentaler Entspannung. Denn jeder noch so zaghafte Vorschlag meinerseits, den Tanz als gemeinsames Projekt anzugehen, wird mit tänzerische Zurechtweisung geahndet. Und am Ende eines jeden Stücks seine stumme Aufforderung zum Applaus: Bin ich nicht großartig!? Die Cortina erlöst mich. Er zückt sein Kärtchen: Bei mir kannst du noch viel lernen, Kleines. Aha, hätt ich mir denken können. Das Gesicht merk ich mir, Mama, mit dem tanz ich nicht! Nie wieder!

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