Mein Visastempel im Pass besagt, dass mein Dasein als Touristin in Argentinien nach 90 Tagen beendet ist. Die praktische Lösung dieses Problems ist eine Tagesreise über den Rio de la Plata nach Uruguay. Zum Ärger der Einwanderungsbehörde verlängern auf diese Weise viele, die seit Jahren im Land leben, alle drei Monate ihr Visum. Einen Tag vor Ablauf des meinigen mache ich mich auf die Reise.
Der kürzeste Weg führt mit dem Buquebus von Buenos Aires nach Colonia. Ich wähle den längeren und günstigeren Weg von Tigre nach Carmelo auf einem kleineren Schiff. Die Fahrt geht durchs Tigre-Delta, wir passieren schmale Flussarme mit dicht bewachsenen Ufern, die einzigen Verbindungswege in diesem Gebiet. Jedes der weit verstreuten Häuser hat einen eigenen Anlegesteg oder sogar eine private Wassereinfahrt. Die meisten Häuser stehen auf Pfählen, was offenbar eine gute Entscheidung ist, denn die ohne Pfahlkonstruktion sind bis zum ersten Stock überschwemmt. Wir passieren verrostete Schiffswracks, einen einsamen Lunapark und abgelegene Hotels, bis wir das offene Wasser des Rio de la Plata und schließlich das Ufer auf der uruguayischen Seite erreichen.
Der Hafen von Carmelo ist kaum mehr als ein größerer Anlegesteg, die Einreiseabfertigung dafür ein mittlerer Staatsakt: einer stempelt die Pässe, vier stehen daneben und gucken wichtig. Das Gleiche am Zoll. Draußen wedelt ein Geldwechsler mit dicken Bündeln, ein paar Taxen, ein winziger Supermarkt, sonst weit und breit keine Menschenseele.
Carmelo ist ein Kaff mit schnurgeraden, menschenleeren Straßen. Zweistöckige Häuser aus der vorletzten Jahrhundertwende mit geschlossenen Fensterläden. Offenbar gab es hier mal bessere Zeiten. Einige Gebäude sind aufwändig renoviert, viele stehen zum Verkauf. Kaum vorstellbar, dass an diesem gottverlassenen Ort irgend jemand investieren möchte. An den Straßenecken dösen Hunde. Die Geschäfte haben die Gitter herunter gelassen. Es ist Mittagszeit. Ab und zu knattert ein Moped vorbei. Ansonsten Stille und Hitze. Das ist das wahre Südamerika.
Ich schleiche den schmalen Häuserschatten entlang bis zum Hauptplatz, wo es immerhin eine Touristeninformation und einen Bankautomaten gibt, zu dem ich allerdings nur mit Hilfe des Wachmanns Zutritt bekomme. Mit Stadtplan bewaffnet mache ich mich auf den staubigen Weg zum Strand. Feinster Sand unter hohen Bäumen, ein paar Menschen im braunen Flusswasser, drei Restaurants mit Uferterrasse. Ich bestelle gebackenen Fisch und ein eiskaltes Bier. Danach Siesta mit Blick in luftige Baumkronen.
Die Fahrt zurück ist begleitet von Wetterleuchten. Im Hafen von Tigre lässt man uns erst einmal eine halbe Stunde auf dem Boot warten, dann eine weitere halbe Stunde in der Einreiseschlange. Endlich bin ich dran. Die Dame hinter dem Schalter betrachtet interessiert meine Stempeldaten und will mich in eine Diskussion verwickeln. Ich mime die begriffsstutzige Ausländerin. Schließlich gibt sie auf und haut entnervt den begehrten Stempel in meinen Pass. Ziel der Reise erreicht. Ich bin weitere drei Monate legal im Land.
Das Stadtzentrum von Buenos Aires erreichen wir in einem Bus mit Getriebeschaden, aber immerhin kommen wir an. Das Wetterleuchten hat uns eingeholt, ein Platzregen begleitet mich nach Hause.
Reisefotos

Carmelo
Ziel erreicht!

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  1. Julia (nicht überprüft) on 13. März 2012 - 15:07

    ha, sehr gut! ....die begriffsstutzige Ausländerin... Ich hoffe, es geht dir gut und du vermisst uns auch ein wenig:)

    Liebe Grüße aus der Heimat,
    Julia