Obwohl ich beschlossen habe, von meinem Balkon aus nur noch nach links zu schauen, kann ich mir ab und an einen kurzen Seitenblick auf das Taubenhaus nicht verkneifen. Es steht doch nicht so leer, wie ich anfangs dachte. Der Mann mit den Schuhen scheint nicht der einzige Bewohner zu sein. Das Paar Schuhe steht unverändert an seinem Platz. Dafür kommt jetzt aus einer anderen Wohnung Licht. Dort stehen keine Schuhe auf dem Balkon. Vielleicht hat der Mann einfach nur die Wohnung gewechselt, weil sie schöner ist, aber die Schuhe stehen lassen? Oder es ist gar kein Mann?

So hätte ich das gerne gehabt. Leider hab ich die Tasse gleich nach dem Fotografieren zerdeppert. Jetzt werde ich die Flohmärkte der Stadt nach einem angemessenen Ersatz absuchen müssen.
Hotel Victoria

Tango_in_der_Kaffeetasse.jpg

Hier kann man sich den Hut zum Tango kaufen – oder jedenfalls das, was viele Leute für ein unverzichtbares Tango-Accessoire halten, wie Hosenträger oder Netzstrümpfe oder die Rose im Mund. Fakt ist, dass Carlos Gardel sein ewiges Lächeln unter genau so einem Hut hervor lächelt. Der Laden tut auch so, als sei Carlos Gardel grade gestern dort gewesen, um sich einen solchen Hut zu kaufen. Man war eben immer auf der Höhe der Zeit: „Siempre a la cabeza del buen vestir" - immer eine Topadresse der guten Bekleidung.

Hut zum Tango 2

In dem Haus schräg gegenüber meiner Wohnung wohnen Tauben und ein Paar Schuhe. Die Tauben sehe ich ständig an- und abfliegen. Das Paar Schuhe steht fein säuberlich auf dem Mäuerchen, das dem Balkon Sichtschutz vor dem Nachbarn bietet. Umsonst, denn es gibt keinen Nachbarn. Es sind gepflegte Schuhe, ein klassisches Modell. Den Mann zu dem Paar Schuhe hab ich noch nie gesehen, nur das Licht, das der Mann abends in der Wohnung macht. Der Rest des Hauses ist unbewohnt.

Schöne Aussicht

Weihnachten riecht hier definitiv nicht nach Lebkuchen. Es weht ein für hiesige Wetterverhältnisse ungewöhnlich laues Lüftchen bei moderaten 25°. Trotzdem bleibt meine Nase nicht von der üblichen Sommermischung verschont: modrige Fäulnis aus den Gulis, öliger Dieselqualm aus den Colectivos (so heißen hier die Busse) und beißende künstliche Raum-Deos von Aprikose bis Zedernholz.
Eine Bilanz meiner ersten Streifzüge durch die Stadt:

Congreso

... in meinem neuen Zuhause ist ein Huhn und sieht genauso aus, wie ich mich in den vergangenen Wochen und Monaten gefühlt habe.

Wächter

Eine 5-monatige Reise will vorbereitet sein, sollte man denken. Der Flug nach BA ist gebucht, die Wohnung reserviert - ideal gelegen, um die Ecke von El Beso. Mehr an Vorbereitung, geschweige denn Planung war bis jetzt nicht drin.
Der Plan ist, keinen Plan zu haben. Nichts müssen müssen. Ein bisschen schwindelig macht mich diese Aussicht schon: freihändige Fahrt ins Blaue, kann wunderbar sein oder ganz schaurig. Alles ist drin.

Ein strahlend sonniger Morgen geht über in einen klebrig schwülen Tag. Es ist bestimmt so an die 30 Grad, die Luft schwer, das Atmen schon fast anstrengend. Trotzdem schwinge ich mich aufs Fahrrad und fahre zur Reserva Ecologica.
Es ist ja schließlich Frühling. Auf den Grünflächen liegen schon überall Leute in Badesachen in der Sonne, drum herum rattern LKW, Colectivos und Heerscharen von Taxis. Von der Promenade wehen die Holzkohleschwaden herüber.

P1000263.jpg

Frühmorgens halb neun. Das ist wirklich eine exotische Zeit für mich, aber heute muss ich zur Uni, um mich für einen Sprachkurs einzuschreiben. Es ist schon der dritte Anlauf: Gestern Vormittag war ich ein bisschen spät dran und musste deshalb am Nachmittag nochmal antreten zum Einstufungstest. Als das dann erledigt war - ich bin nivel 4 und darf jetzt den subjuntivo erlernen -, stellte sich an der Kasse heraus, dass für die Gebühren kein Bargeld akzeptiert wird, sondern ausschließlich Kreditkarte oder Bankanweisung.

Gestern haben wir noch miteinander getanzt. Man macht Fehler. Es soll nicht wieder vorkommen.