Gestern haben wir noch miteinander getanzt. Nicht zum ersten Mal, aber noch aufregender als die Male davor. Heute sitze ich direkt in seinem Blickfeld. Uns trennt nur die Tanzfläche. Ich sitze Schulter an Schulter mit meinen Nachbarinnen. Drüben eine Wand aus Männern, dicht an dicht. Die Cortina* läuft aus, jetzt knallt D'Arienzo aus den Boxen: Yapeyú - wie für uns gemacht!

Eine meiner Lieblingsbars in der Stadt ist Los Galgos. Bei jeder Buenos-Aires-Reise schaue ich hier vorbei. Aber jedes Mal, wenn wieder ein Jahr oder mehr vergangen ist seit meinem letzten Besuch, wird mir leicht mulmig, bevor ich durch die alte Glastür eintrete: Wird die Bar noch dieselbe sein mit dem demselben abgewetzten Charme? Und vor allem: Werden die Kellner noch dieselben sein?

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Alito ist einer der ganz alten Milongueros, er dürfte in den 80ern sein. Vermutlich hat er mindestens sein halbes Leben Nacht für Nacht auf den Milongas zugebracht - ein klassisches Milonguero-Schicksal: Alle kennen ihn, aber kaum jemand weiß, wie es in seinem Leben wirklich aussieht. Nun wurde er kürzlich auf der Straße aufgelesen und musste ins Krankenhaus eingeliefert werden. Vor Monaten war er aus seiner Wohnung rausgeflogen und muss seitdem wohl auf der Straße gelebt oder vielleicht ab und zu bei jemandem untergeschlupft sein. Kein Gedanke an Krankenversicherung oder Altersversorgung.

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Bei strahlendem Wetter pilgert der Stadtbewohner gerne ins Grüne. Ein Ort der populären Volksbelustigung ist die lange Promenade entlang des Naturschutzgebiets. Ja, tatsächlich, sowas gibt es hier: parque natural y reserva ecologica costanera sur. Wo heute seltene Pflanzen- und Vogelarten zu Hause sind, war früher Wasser. Das Areal entstand, als man vor den Hafenanlagen im Rio de la Plata durch Aufschüttungen Boden gewonnen hat, angeblich stammen die Massen an Material vom Bau der Stadtautobahn Autopista del Sol.

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Wenn es regnet in Argentinien, dann richtig. Gestern Nacht krachte ein ordentliches Gewitter über der Stadt nieder, alle Schleusen offen. Passend zum Finale des Länderspiels Argentinien - Peru, bei dem die Argentinier in allerletzter Sekunde bei Verlängerung das Siegestor schossen. Zum Glück, denn die argentinische Seele wäre sonst untröstlich gewesen - schlecht für die Stimmung, auch auf den Milongas.

Der Argentinier ist mit gutem Appetit gesegnet. Und den kann er in deser Stadt rund um die Uhr stillen. Die traditionelle Kleinigkeit für zwischendurch ist die Picada. Spanische und italienische Einwanderer haben diese kulinarische Herausforderung bei dem Versuch geschaffen, ihre Tapas und Antipasti aus der alten Heimat in die neue Welt zu transportieren. Sie haben offensichtlich nicht unbedingt die verfeinerte Version ihrer jeweiligen Landesküche mitgebracht.

Picada in der Bar Hermanos Cao

... ist strahlend blau. Und das, obwohl hier rund um die Uhr mörderischer Verkehr herrscht. Durch meine enge Wohnstraße dröhnen zweispurig die Colectivos, so heißen hier die öffentlichen Busse, und hinterlassen ölig-schwarze Rußschwaden. Es gibt deutlich mehr neuere Autos als noch vor ein paar Jahren - ein Zeichen von Aufschwung -, aber das macht die dicke Luft in den Straßenschluchten nicht wirklich dünner.

Blick aus dem Küchenfenster